Kleine, aber feine Übungen


Henrik ist ja auch noch Mitglied bei einer Freiwilligen Feuerwehr. Und zwar immer noch bei der in Bad Driburg, wo er damals als Rotzigen mal angefangen hatte. Bekommt den Hals ja nicht voll vom Blaulicht, der Verstrahlten …

20160902_203250Jedenfalls haben die Jungs dort alle zwei Wochen ihren Übungsabend. Im Winter wird theoretisch geschult, im Sommer praktisch. „Da kommst du mal mit, damit du sehen kannst, wofür freiwillige Feuerwehrleute ihre Zeit opfern, um ihr Wissen für den Einsatz zu bekommen!“, forderte Henrik mich auf. Denn wenn der Brüllwürfel losgeht, reicht es ja nicht, auf die roten Autos in der Halle zu hüpfen, sondern man muss ja auch auf der Kette haben, was man mit den Klamotten vom Auto alles anstellen kann, um den Menschen zu helfen! Das vergessen nämlich viele: dass man, um sein Wissen als Feuerwehrmann zu erlangen, viele Wochenenden und Abende über den Büchern und an den Geräten verbringen muss.

Heute Abend war es jedenfalls mal wieder so weit: Vor der Halle mit 10 Toren bauten sich die Kameraden auf und wurden „gebrieft“, wie es so schön heißt. Früher sagte man „eingewiesen“, aber das ist nicht mehr englisch genug. „Autos auseinander geschnitten haben wir in letzter Zeit genug“, meinte einer der Übungsleiter dann. „Wir haben darum heute mal etwas anderes zum Thema ‚technischen Rettung‘ vorbereitet“, klärten uns sein Copilot auf. Hier ist es nämlich so üblich, dass die Leitung der Übungsdienste gerne an Kollegen ab Unterbrandmeister aufwärts abgegeben, und nicht immer nur vom Löschzugführer gemacht wird. Schließlich kann es bei einer freiwilligen Feuerwehr bei kleineren Einsätzen vorkommen, dass der Landesbrandinspektor gerade mal keine Zeit dafür hat und darum jemand aus den unteren Diensträngen seine Peoples beaufsichtigen muss.

„Wir haben zwei Szenarien für euch aufgebaut. Teilt euch mal in zwei Gruppen“, fuhr einer der beiden fort. „Während dann eine Gruppe das erste Szenario abarbeitet, kann die Zweite ihnen dabei über die Schulter schauen. Zunächst guckt ihr euch aber mal die Lage an und macht euch in Ruhe Gedanken dazu!“ Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen genehmigte der Chef „Marscherleichterung“, wo es möglich war. Gott sei Dank: Mussten wir dann schließlich nicht bei 29° in den dicken Jacken schwitzen!

Die blaue Herde trabte also zum ersten Unglück: Neben einem Graben (hier: die Werkstattgrube) fummelte ein Hobby- Galabauer an seinem verklemmten Grünschnitt- Häcksler. Dieser hat ein Kunststoffgehäuse und ein Häckselwerk aus Metall.

Beim Rumruppen am verklemmten Gut verliert der Arbeiter jedenfalls das Gleichgewicht, stürzt zusammen mit dem Ding in den Graben – und wird schmerzhaft daran erinnert, dass die Maschine noch eingeschaltet ist, als sich die Verklemmung plötzlich löst und er beim Sturz mit dem Fuß hineingerät, bis der Schredder erneut am Knochen stecken bleibt! Nun hängt also eine Puppe in der Grube, ein Bein bis zum halben Unterschenkel im Häcksler. Tolle Wurst …

 

Da die Rettungsdienstliche Schiene erst einmal außen vor stand, wurde sie auch nur am Rande kurz erwähnt: „Zuerst das Gerät vom Strom trennen, den Patienten gegen Verrutschen sichern, Zugang, abschießen, vielleicht Bein abbinden“, fasste jemand in der Gruppe zusammen. Der Kollege, der in die Grube gesprungen war, um die Lage zu erkunden, ließ sich eine Lampe geben: „Ich schaue mal, ob man vielleicht etwas von unten machen kann“, sagte er, als er sich hinkniete und Kopf und Lampe unter den stehenden Häcksler schob. Er schaute hinein und verzog das Gesicht. Als er wieder hoch kam, schaute er den Übungsleiter mit verzogenem Mund und einer hochgezogenen Augenbraue an: Dieser hatte, bevor er das Bein der Puppe in den Häckslertrichter stopfte, bei eingeschaltetem Gerät ein Kilo Grillfleisch vorweg geschoben! Das sah natürlich schon sehr realitätsnah aus. Die Jungs versuchen natürlich, solche Übungen auch interessant zu gestalten.

Die Kameraden begannen zu überlegen, wie man dann am besten vorgehen könnte, um Mensch und Maschine zu trennen. „Also, die Rettungssäge ist zu groß und unhandlich für das kleine Ding“, meinte der Erste. „Jooo…“, dachte der Zweite laut. „Was ist denn mit der Säbelsäge?“ – „Besser nicht“, fiel es dem Dritten ein. „Du hast wenig Kontrolle bei der Eintauchtiefe. Schlägt das Blatt gegen Metallteile im Häcksler, ist es krumm. Zudem hast du starke Vibrationen.“ Man einigte sich auf einen kleinen Winkelschleifer: „Die Flex ist handlich, gut zu kontrollieren, und wenn wir mit der Trennscheibe innen an den Motor oder die Häckselwalze kommen, passiert dem Werkzeug nichts. Vibrationen gibt es auch kaum.“ Allerdings muss man auch hierbei natürlich den Funkenschlag beachten, falls man innen im Gehäuse auf Metallteile stößt. Hätte nicht gedacht, dass man sich so einen Kopf machen muss, nur, um erst einmal das richtige Werkzeug auszusuchen!

Die nächste Überlegung: „Machen wir das hier im Graben, um den Patienten möglichst wenig zu bewegen, oder ziehen wir ihn mit dem Häckser raus, um hier oben sicher zu arbeiten und Platz zu haben?“ Berechtigte Frage: Jede Umlagerung birgt die Gefahr, dass noch mehr des Beines in Mitleidenschaft gezogen wird, und je mehr man unterhalb vom Knie retten kann, desto einfacher wird es nachher mit einer Prothese. Außerdem blutete die Wunde im Moment kaum (sagte Cheffe). Eine Bewegung zu viel, und es reißt vielleicht eine dicke Ader auf – und der Patient läuft in Minuten aus, ohne, dass man an das Loch herankommt. Aber in dem „tiefen Graben“ war wenig Platz zum Arbeiten, der Rettungsdienst musste auch noch am Patienten fummeln können, und der Gärtner war in der jetztigen Lage kaum effektiv zu sichern. Schlechtes Licht, aufrechte Lage bei unsicherem Kreislauf und die schlechte Zugänglichkeit machten die Entscheidung leicht: „Wir ziehen den Typen vorsichtig mitsamt Gerät auf eine Schleifkorbtrage. Dann haben wir alle Möglichkeiten, um weiter zu machen!“, entschied der Kollege in der Grube.

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Alles zum Umlagern des in der Grube „stehenden“ Patienten vorbereitet?

Der Übungsleiter verriet uns noch ein besonderes Schmankerl: Die am Gehäuse vorhandene Wartungsklappe sollten wir bei dem folgenden Einsatz ignorieren. Weil wegen nicht da. Sollten wir glauben. „Den Häcksler habe ich aber für einen kleinen Obulus und eine Tüte Gummibärchen bei eBay- Kleinanzeigen geschossen. Den könnt ihr also ganz real zerlegen!“ – Geil! Kaputt machen! Genau mein Ding!

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Sorgfältig werden die Schnitte geplant

Also: Den Patienten mit geeinten Kräften an eine Schleifkorbtrage gelegt und gesichert, zusammen mit dem Häcksler aus der Grube gezogen und ein Stück weiter abgelegt. Der Häcksler sollte nun unterbaut und das Bein gepolstert werden, um eine stabile, spannungsfreie Lage herzustellen. Unterbaumaterial gab es genug. Aber die hier erforderliche Menge an Polstermaterial für das Bein? Der Rüstwagen beinhaltet ja keine Polsterwerkstatt! Aber auch hier fiel einem „Hooligan mit Halligan“ etwas ein: „Nehmen wir doch einfach die schwimmende Ölsperre!“

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Öffnen des Gehäuses. Mit dem Keil wird das Bein geschützt.

Diese Schlange war tatsächlich volluminös und weich genug, um damit den ganzen Körper zu stabilisieren. Schnell wurde der Körper von den Gurten befreit und mit der Ölsperre umbaut. Die Gruppe konnte das Häckslergehäuse nun großzügig zerlegen: Zunächst wurde das Außengehäuse mit dem Winkelschleifer aufgetrennt, dann der Trichter und zum Schluss der Deckel des Häckselwerkes. (Einfach aufschrauben sollten wir nicht: Der Übungsleiter gab an, dass das Häckselwerk dummerweise von hinten verschraubt sei… 😉 )

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Geöffnetes Gehäuse. Kaputtes Bein.

Im Häckselwerk bot sich dann ein etwas unapetitliches Bild von zermatschtem Fleisch, Fett und Knochensplittern – und die Erkenntnis, dass sich vom Rand des Trichters bis ins Häckselwerk noch gut 25cm des Beines retten ließen! Der Rest war Sache des Chirurgen. Ich hatte jedenfalls den Kaffee auf und habe mich lieber ans Kopfende des Patienten verzogen. Irgendwer musste den Menschen ja schließlich auch betreuen.

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Patientenbetreuung. Auch wichtig.

In der anderen Übungslage, die die zweite Gruppe dann bewältigen sollte, wurde angenommen, dass ein Holzofenbesitzer eine Palette mit einem zersägten Holzmast ergattern konnte. Auf der Europalette lagen also einige abgesägte Maststücke, die der neue Besitzer nun abpacken wollte – direkt neben einem kleinen Abhang am Grundstück. Es kam, wie es kommen musste: Beim Abladen vom Anhänger stürzte die Palette um und riß den Holzverbrenner mit sich. Dummerweise war zwischen den Holzpümpeln auch noch eine Metallstange, die den Mitgerissenen am Bein durchspießte und auf die Rabatte nagelte … – Einsatz für den Pedalschneider!

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Konzentrierter Einsatz! Der Paparazzi links kriecht unbemerkt fast in die Szene …

Dieser wurde mit der Handpumpe betrieben, um mehr Gefühl bei der Arbeitsgeschwindigkeit zu haben. Nachdem in dem Holzgewirr die Stange oberhalb des Beines abgetrennt war und man das Holz über dem Verschütteten abgetragen hatte, konnte man die Stange unter dem Bein etwas freigraben und auch hier durchtrennen. Allerdings tappten die Kollegen in eine „Falle“: Als das letzte Stück des Holzmastes vom Verletzten gehoben wurde, fiel jemandem ein, dass durch den Aufschlag des Holzes auf den Patienten wohl das Becken heftig verletzt worden war! Nun hatte man ein Zeitproblem, denn nach dem Abheben des Holzblockes wurden die Beckenbrüche nicht mehr komprimiert.

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Aufgespießt!

Ging es dem Patienten bisher noch einigermaßen, baute nun sein Kreislauf recht schnell ab, weil er in sein Becken hineinblutete! Man hätte also besser zunächst das Holz auf dem Becken liegen lassen können, bis der Patient nicht mehr am Boden angetackert war, um dann sofort nach dem Entfernen des letzten Blockes eine sogenannte Beckenschlinge o.ä. um den Patienten zu schnüren, um eine Blutung aus dem Becken zu minimieren. Aber dafür übt man ja…

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Ich durfte auch mal pumpen!

Zum Abschluss des Abends und zur Besprechung des Geübten wurde anschließend noch gegrillt. Henrik war jedenfalls begeistert von der Übung, und während er genüßlich am Fleischlappen zerrte, schwärmte er mir vor, dass man gerade bei solchen kleinen Übungen mehr lernen konnte, als zum Beispiel bei irgendwelchen Materialschlachten rund um ein Industriebetrieb. „Größer“ ist nämlich nicht unbedingt „besser“.

20160902_210506Aber mal unter uns: Auf Grillfleisch hatte ich kein Bock mehr. Ich habe mich dann an einem Brötchen versucht …

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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