Rettung in England


So, nun ist es endlich so weit: Nach langer Zeit bin ich wieder zurück aus dem Land der auf-der-verkehrten-Seite-Fahrer und der Würstchen-zum-Frühstück-Esser. Das war aber auch ein Urlaub von nie gekannter Länge! Zu Besuch war ich bei Goetz, der gleich mehrfach in Sachen Rettungsdienst unterwegs ist: Als „First Responder“ bei den CFR und im Rettungsdienst des NWAS (der North West Ambulance Service). Ach, und im Roten Kreuz ist er auch noch zu Gange, weil er vom Rettungsgedöhns den Hals nicht voll bekommt.

In seiner Gegend, er wohnt in Blackpool, weiß man übrigens nie, wer so kommt, wenn man Hilfe braucht: Es kann zunächst ein First Responder (CFR) oder ein ECFR, der ein wenig mehr geschult ist, kommen. Dann könnte ein PKW- Kombi mit einem Paramedic eintreffen, dem „Rapid Response Vehicle“ oder so. Dessen Rettungsmensch leitet dann die Behandlung ein. Parallel, danach oder ausschließlich kommt dann noch eine Ambulance hinzu, damit es in der Straße schön voll wird und der Patient auch transportiert werden kann. Auf diesem Auto sitzt dann auch ein Paramedic. Oder ein „Tech1“ oder „Tech2“ – Geschulter, was hier in etwa dem Sani entsprechen könnte. Sollte. Müsste. Oder so.  Oder auch nicht, dann sitzt dort ein Typ mit „Urgent Care“-  Ausbildung, was etwas mehr als hier ein Rettungshelfer ist, der aber nur Krankentransporte fährt.   Und der Notarzt kommt eigentlich nur Mittwochs, wenn der Wochenmarkt von Freitag auf Donnerstag vorverlegt wurde. Jedenfalls ganz selten, eigentlich nur bei „Schlimm 2“ oder MANV. Darum müssen die Paramedics dort in West- England auch eine Menge können: Wenn kein Arzt nicht kommt, müssen dem Patienten ja trotzdem die Pine genommen werden! Und das geht bekanntlich am besten mit Drogen.

RTW fahren! Und so ein hübscher Weihnachtsschmuck auf dem Dach …

Zusätzlich fummelt das Rote Kreuz noch im Rettungsdienst mit: Nicht nur auf Großveranstaltungen, sondern auch bei „erhöhtem Einsatzaufkommen“ wird der Regel- RD unterstützt. Also, in einigen Gegenden zumindest. Und wenn es bei einem Notfall GANZ schlimm kommt, kommen „nur“ die Ersthelfer der Feuerwehr, was dort erst seit einiger Zeit ausprobiert wird: Eine rettungsdienstliche Ausbildung ist in Robin Hoods Heimat nämlich nicht üblich, also werden die „Waterfairies“ dafür extra als „First Responder“ geschult. BTW: „Wasserfee“ ist übrigens auch eine flauschige Umschreibung! Hihi! –

… „Darf ich Sie mal anne Knöppe packen?“

Also, zumindest, wenn man „Fairy“ als „Fee“ übersetzt. Weniger, wenn „Tunte“ damit gemeint ist … Letzteres Modell ist aber wohl nicht so pralle angesehen, weil das Auto dann dem Brandschutz für die Dauer des Einsatzes nicht mehr zur Verfügung steht. Heißt es offiziell. Vielleicht geht es hinter vorgehaltener Hand auch nur darum, dass Einsätze im Rettungsdienst natürlich mehr Unruhe im Wachalltag bedeuten. Man weiß es nicht.

Wie auch immer. Jedenfalls ist es in England noch wichtiger als hier, dass man beim Notruf ordentliche Angaben macht, damit der Leitstellen- Callboy sich etwas darunter vorstellen kann: Wie ihr oben lesen konntet, wird in der Wichtigkeit der Notfälle schon etwas differenzierter entschieden als in Deutschland, wo es nur heißt: „Mit oder ohne Notarzt?“ Und wenn dort jemand anruft, weil er – wie auch hier so häufig – mal ein wenig Nusenblaten hat oder seit drei Tagen eine ganz schlimme Erkältung, dann kommt eben nur ein „Urgent Care“- Hoschi mit dem Liegendtaxi.

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Unglaublich, wie viele Scheren und Gedöhns er dabei hat!

Goetz ist jedenfalls privat als First Responder zu erreichen und fährt dann zu Einsätzen bis etwa 15 Kilometer rund um seinen Standort. Ganz schön weit für mit ohne Sondersignal! Das wird den CFR nämlich nicht zugestanden. Dafür hat er im PKW zur Absicherung zumindest rote Blitzleuchten eingebaut. Geil. Und im Kofferraum einen dicken Rucksack. Sieht schon mal sehr wichtig aus. Will ich auch. 🙂  Aber das ist doch schade: So einen geilen Rucksack und so krasse Blitzer, aber keine Musik. Naja, dafür hat er zur Alarmierung einen ordentlichen Brüllwürfel.

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Anschlag! Die wollte mir an den Pelz!!

Ich durfte ihn bei einem seiner freiwilligen Dienste beim BRC (nicht das Bayerische, sondern das Britische…!) begleiten, in dem der reguläre Rettungsdienst entlastet wurde: Mit diesen Diensten werden am Wochenende die Bedröhnten von der Straße geholt, d damit der reguläre Rettungsdienst mehr Zeit für „richtige“ Notfälle hat. Dort traf ich auch auf Ian und Julie, die ich mit meinen Englischkenntnissen beeindrucken wollte. Wir plauderten ganz nett, und ich hatte überhaupt keine Probleme mit deren Englisch – aber die anscheinend mit meinem:

Nigel wusste, wie sehr man an seinen Bauchhaaren hängen kann, und ließ sie in Ruhe.

Als ich Julie gekonnt fragte, ob sie mich mal der besseren Übersicht halber auf ein Regal setzen könnte

( „Would you shelve me shortly da oben that I have a besseren Overlook over the Aufenthaltsraum?“), meinte sie nur etwas belustigt: „Sure … if it’s really necessary …“ –  ZOG EINEN RASIERER UND WOLLTE MEINEN BAUCH RASIEREN!!! Hallo? Gehts noch??!? Wie kann man als Einheimische nur so schlecht die Landessprache verstehen!! Ich war entsetzt. Gott sei Dank mussten die beiden dann auf Patrouille, so dass ich mich anderen Leuten zuwenden konnte. Zum Beispiel dem Nigel: Er ist einer der „Profi- Pflasterkleber“, zu erkennen am grauen Flicken. Der war nett. Und Chef vom RTW für „Schlimm1“. Der konnte scheinbar auch besser Englisch: Immerhin hat er nicht versucht, mich zu rasieren oder sonstwie sexuell zu belästigen.

Eine Ambulance von Innen. Auf dem Weg zum Einsatz durfte ich hier schon mal probeliegen!

Vom Einsatzaufkommen her erwartete mich nichts anderes als das, was ich aus Deutschland so kannte. Ich denke, die Beschreibung von Blasen an den Füßen, bekotzten Sprittern und Pommes-Pieker- Stichwunden kann ich mir an dieser Stelle sparen. Interessant fand ich aber, dass die Ambulances keinen Tragetisch haben, wie es hier üblich wäre, sondern dass die Tragen einfach auf dem Boden eingeschoben werden. Wie in Amerika. Muss man sich eben zum Patienten hinunterbeugen. Dafür hat der Patient mehr Kopffreiheit, falls er mal aus der Haut fahren möchte.

Einige Tage später hatte Goetz einen Ausflug geplant:  „Listen, Paul, what hälst du from a Trip to the Blackpool- Tower? It’s standing gleich bei the Irische See, mitten in the Blackpool Resort!“ (Ich gebe das hier so gut wieder, wie ich kann. Schließlich protokolliere ich nicht jedes Wort mit …) Ich wusste natürlich zunächst nicht, was mich dort erwartete, also habe ich kurz bei Tante Goggel nachgeschlagen. Dort stand irgendwas von Hotels und Spielbetrieben, so wie „little Las Vegas“ sollte es sein. Geil! Nutten, Koks und Roulette!! Ich war ganz aus dem Häuschen! Doch Goetz musste mich bremsen: „Also, wir gehen dort nicht hin, um Omma ihr Häusken zu versetzen! Aber am Strand ist es schön, vor allem bei dem klasse Wetter.“ Nun ja, dann eben ein Ausflug an die Irische See. Denn wenn ich die See see, brauch‘ ich kein Meer mehr. (Powwatt verstaubt, der Spruch … 😉  )

Pier und so …

Guck: Eifelturm in England!

Dort schlenderten wir am Strand entlang und an einem Pier vorbei, der 460 Meter weit ins Wasser ragte.  Das Ding ist schon etwa 150 Jahre alt, aber noch erstaunlich gut in Schuss! Anscheinend hat dort jemand zwischendurch mal ein paar Liter Hammerit an der Stahlkonstruktion dran runtergekippt, so dass das Ding nicht einfach weggegammelt ist. Auf dem „Steg XXL“ ist sogar ein kleiner Vergnügungspark gebaut worden! Mit Riesenrad! Na ja, was ich von Höhen halte, könnt ihr ja in der THW- Geschichte nachlesen. Da begnügte ich mich lieber mit einem Blick aus der Ferne, bevor mir der Köttel inne Buchse haut. Von dort aus konnte man auch viel besser den komischen Turm sehen, der wohl an den Eifelturm erinnern soll: Mit 158 Metern ist das Ding noch höher als das Riesenrad! Keine Chance, mich da raufzubringen. Angucken reichte. Danke der Nachfrage. Die vielen Stufen mit meinen kurzen Beinen … Ich glaube, es hackt!

Die haben Schnückerzeug mit meinem Namen drauf!!

Ist schon eine interessante Location, dieses Resort. Auf dem Rückweg schauten wir noch in einem „Gift- Shop“ vorbei. Entgegen meiner Befürchtungen war dort aber nix giftiges zu kaufen! Gott sei Dank. Mir ging der Arsch schon auf Grundeis, bis Goetz mich darüber aufklärte … So gab es dann eine leckere Zuckerstange mit meinem Namen drauf! Die war fast so groß wie ich. Da kann ich lange dran lutschen.

Jedenfalls kamen wir trocken und mit Seeluft durchsetzt wieder nach Hause.

Eine Woche lang lebte ich den britischen Alltag in einer typischen Doppelhaushälfte, wo jeder seinen Nachbarn kennt, bevor wir am Wochenende den „Tag der offenen Tür“ der örtlichen Feuerwache besuchten, der „Blackpool Fire Station“ des „Lancashire Fire Service“. Dort sind zwei Fire Engines auf DAF untergebracht und eine Aerial Ladder. Ich glaube, das Ding stammt von Bronto und ist auf Volvo aufgebaut. Und an diesem Tag gab es noch ein besonderes Leckerli: Die „Water Escape“ von 1956 war zu Gast! Ehemals als „Blackburn 2“ im gleichnamigen Dorf im Dienst, ist auf das Heck dieses Dennis- Fahrzeuges eine der typischen „Escape Ladders“ aufgeprotzt. In 2010 wurde die alte Mutti ausgemustert und an ein Museum übergeben, so dass es heute voll restauriert dasteht. Von diesem Ding gibt es sogar ein Modell von Corgi zu kaufen! Vorne über der geteilten Windschutzscheibe hatte man ein Schild mit dem Namen „John Sorrock“ gepflanzt. Komischer für einen Löschbomber …

Mit den Feuerwehrleuten kam ich jedenfalls gut klar. Im Gegensatz zu den Lifeboat- Hansels waren die recht aufgeschlossen, als es darum ging, mir mal ein wenig zu zeigen.

Historischer Feuerwehrmann vor historischem Auto hält modernen Paul hoch. 🙂

 

 

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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