Rettungsdienst hinter den Bergen, Teil 1


Hinter den sieben Bergen, … ach ne, das war woanders.

 

cofLange war es dunkel im Karton. Allerdings ging es dieses mal nicht über den Ärmelkanal, sondern in Richtung Süden! Als ich mich dann nach tagelanger Reise nach dem Öffnen des Paketes aufsetzte, habe ich dem Typen vor dem Karton gleich ein zünftiges „Grüezi! I bins, de Aff’n – Paule!“ entgegen geschmettert. Ich hatte mich schließlich vorher über die örtlichen Befindlichkeiten ein bisschen informiert. Allerdings bekam ich den Deckel sofort wieder auf die Birne: Der Typ hat doch glatt wieder den Deckel des Pakets zu gemacht! Hatte der noch alle auf der Reihe, bitte?! Wenn man sich schon mal Mühe gibt…

Nachdem ich dann vorsichtig unter dem Deckel hervorlugte, um zu sehen, was da passiert war, meinte er nur zu mir: „So, alles noch mal auf „Position 1“. Wenn du hier noch mal ‚Grüezi‘ schalmeist, schicke ich dich sofort wieder zurück!“ Ich schaute wohl wie ein Küken auf Schnodder, darum erklärte er mir, dass nur die komischen Außerschweizer von der anderen Seite der Alpen ‚Grüezi‘ sagen. Also für ihn die „Leute aus dem Jenseits“, die hinter den Bergen halt. Ich wollte dem Typ gerade sagen, dass er hier auch hinter den Bergen wohnt, aber ich hatte ja noch vor, ein bisschen zu bleiben 🙂

Wer biss’n du überhaupt?“, fragte ich stattdessen und ordnete meinen Pelz am Bauch. „Paul“, sagte er. „Ja, richtig, Blitzmerker. Ich bin Paul. Und du?“ – „Paul!“, sagte er nun etwas bestimmter. Wollte der mich verarschen? Die Aura zwischen uns könnte etwas Brennholz vertragen, dachte ich, das kann man ja wohl deutlich spüren. „Ich heiße auch Paul. Echt jetzt“, klärte er die Sache mit einem Lächeln auf. „Willkommen im Land der teuren Schoki!“ Dann hat Paul mir erklärt, dass man hier ‚Salü‘ sagt, wenn es vor 12 Uhr Mittags ist und man sich nicht sofort als Touri- Honk outen will, und nach 12 Uhr sagt man schon ‚Guten Abend‘. Ich glaube, die Leute hier sind etwas verstrahlt …

cof

ein karierter Koffer! Geil!

Jedenfalls dachte ich, das ich mir mal gleich ein bisschen meine Pfoten vertreten könnte. Aber falsch gedacht: Bevor ich mich versehen hatte, saß ich schon wieder in einem Koffer! Paul meinte, es geht auf eine kleine Reise. Wie jetzt, ich bin schon durch halb Europa gereist und soll jetzt schon wieder im Dunkeln sitzen!?

So schlimm wird es schon nicht“, versprach er mir. Wenn wir Glück hätten, könnten wir uns morgen Abend noch ein paar Minuten an den Strand in Spanien setzten. Spanien, dachte ich mir. Klar. Wieso denn nun dahin fahren!? Ich kann dort ja nicht mal ein Bier bestellen! Außerdem wollte ich mir doch den Schweizer Rettungsdienst anschauen, und nicht irgendwo am Ballermann Bier saufen…

Wir machen da keine Ferien“, hat Paul gelacht. „Wir holen dort einen Patienten und bringen den wieder zurück in die Schweiz.“ Denn eine Aufgabe seines Rettungsdienstes ist es nämlich auch, Patienten aus anderen Ländern wieder zurück in die Schweiz zu holen. Oder man fährt von hier verletzte oder erkrankte Touristen zurück in ihre Heimat. Gerade in den Ferien passiert das sehr häufig. Paul hat da viel Spaß dran und ist schon viel dabei herum gekommen. Klar: Durch die Gegend juckeln und noch Kohle dafür absahnen! Bezahlter Urlaub!

Verlegung

Ich werde also mitten in der Nacht aus meinem Bett geschmissen, um die Fahrt anzutreten. Es gab noch nicht mal was zum Frühstück! Frechheit, sage ich euch! „Ich dachte, die Schweizer wären ein gastfreundliches Land!?“, beschwerte ich mich mit halb geöffneten Knopfaugen bei Paul. Aber er meinte: „Wir essen später unterwegs etwas. Keine Bange, man wird schon nicht die Rippen durch dein Fell sehen!“ – HAT DER MICH GERADE „FETT“ GENANNT?!?

IMAG1155Zunächst fuhren wir also zu seiner Wache. Mit seinem Kollegen, der schon in einem Express- Liegendtaxi wartete, starten wir. Dieser Pflaster- Hoschi war wenigstens nett. Glaube ich zumindest, denn ich verstand Null von dem, was der da gerade sagte. Ich denke, er hatte auch eine böse Angina … Zur Begrüßung wollte ich schon wieder ‚Grüezi‘ von mir geben, aber ich habe mich rechtzeitig daran erinnert, was Paul mir gestern gesagt hatte. Und ich wollte ja nicht wie ein Vollhorst da stehen. 🙂

Wir gondelten an den Alpen entlang durch die Schweiz. Und da war es eisekalt. Mir fiel fast der Schwanz ab, und der Pelz an den Ohren setzte sofort kleine Eisknüddelchen an, wenn ich den Kopf mal aus dem Fenster hielt. Und es lag Schnee, in einer geradezu unanständigen Menge! Berge von Schnee! Ich hatte noch nie so viel Schnee auf einen Haufen gesehen. Und wenn man um die Ecke bog, war da ein noch größerer Haufen mit noch mehr Schnee …

Wir fuhren an Ecken vorbei, wo mitten in der Einöde Weihnachtsdörfer aufgestellt waren, wie ich sie in meiner Kindheit im Wohnzimmer unter der Christstaude gesehen hatte. Aber diese hier waren riesig! Und standen einfach draußen am Berghang! „Man könnte da ja tatsächlich drin wohnen“, sagte ich staunend zu Paul. „Sicher. Das ist nicht bloß ein Heiland- Phantasialand. Das sind echte Dörfer, mit echten Schweizern drin“, meinte Paul. Aber mal im Ernst: Ich glaube, so, wie der grinste, hat der mich bloß verarscht. Wohnen im Weihnachtsdorf … Für wie blöd hält der mich eigentlich?

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Weihnachtsdorf zum drinne wohnen!

Die Umgebung wurde wieder etwas wärmer, mittlerweile waren wir in Frankreich. Mein Magen knurrte irgendwann wie ein verärgerter Waschbär (so haarig war er immerhin schon), und ich wollte gerade in Ruhrgemopper ausbrechen, dass man so ja nicht mit Gästen umgeht und so, da fuhren wir auf eine Rastanlage.

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„Odette … Oh la-la!“

Ich bekam einen Croissant und eine Milch, während ich mir vorkam, wie so ein Hardcore- Touri: 3 Länder in 12 Stunden! Eben noch Deutschland, kurzer Aufenthalt in der Schweiz, und jetzt saß ich schon im Land der „englischen Hütchen“ und schaute Croissant- mampfend der kleinen Odette beim Servieren hinterher … Oh la la!

Als es weiter geht, ist Paul mit fahren dran, denn so etwa nach vier Stunden wechseln sich die Kollegen bei solchen Fahrten immer ab. Wir hatten nämlich noch fünf weitere Stunden vor uns. Irgendwann penne ich beim Schaukeln der Versehrtenkutsche ein – und ich schwöre, ich wollte nur kurz die Augen zu machen, da waren wir auch schon da: Das 4. Land, Spanien! Eben sind mir vor Kälte noch fast die Arschhaare abgebrochen, nun war ich im sonnigen „Espana“ (Wie bekomme ich auf dieser Tastatur eigentlich diese beknackte iberische Schlange über das „n“?)

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„Spanien? – OLÉ!!!“

Und weil der Tag noch nicht ganz rum war und der Patient erst am nächsten Morgen auf uns warten würde, haben wir uns erst einmal an den Strand gefläzt und mit Sand inne Buchse aufs Meer geschaut. Ja, Alltag im Rettungsdienst eben, was man halt so tut … 😉 Bier gab es allerdings keins, weil wir ja noch im Dienst waren. Trotz des Abenteuers war der Trip echt anstrengend. Später gingen wir noch auf Kosten von seinem Chef essen. Feiner Zug von ihm: Wir dürfen uns am Meer rumtreiben, bekommen es bezahlt und dürfen uns noch auf seine Kosten die Plautze vollkloppen! Gemütlich ließen wir den Abend ausklingen, bis wir nach dem guten Essen später in der Unterkunft mit Suppenkoma zusammenbrachen.

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Die Spanier fahren auch in „gelb“

Am nächsten Tag holten wir den Patienten, und der war echt froh, jemanden zu hören, der seine Sprache spricht. Ist für solche Menschen schon eine echte Erleichterung, wenn sie fremdländisch verunglücken und dann zur Genesung in die Heimat zurück können. Auf der Rückfahrt verlief alles reibungslos, acht Stunden lang, und wieder durch Frankreich. Odette habe ich aber nicht mehr gesehen… „Wie oft macht ihr denn solche Touren?“, fragte ich Paul. „Och, so etwa 100 mal im Jahr“, leierte er betont gelangweilt und sah auf die mittlerweile wieder verschneite Straße. Ich erkannte aber an seinem versteckten grinsen, dass er es total gerne machte.

Paul hatte nach dieser Tour zwei Tage frei, und ich konnte endlich mal meine Pfoten ein bisschen ausruhen. Ganz schön anstrengend, so eine Tour durch 4 Länder!

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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