Vorweihnachtszeit


Man sagte mir, Weihnachten sei das „Fest der Liebe“. Wenn ich mir den Henrik aber so anhöre, ist es wohl eher das „Fest zum richtig den Tag versauen“. Ihm passt dieser ganze Rummel nämlich überhaupt nicht. Alleine schon dieses „Schmücken“ der Bude: „Ich habe die Wohnung so eingerichtet, dass sie mir gefällt. Und jetzt meint die holde Weiblichkeit, dass überall dieses Gedöhns stehen soll und jeden Abend in den Ecken und auf den Schränken Strom verbraucht werden muss!“

Der Chef ist noch nicht da, da kann ich schon mal probeliegen! Hihi!

Das Aufstellen des Baumes ist da ebenfalls so eine Sache. „Ham eh‘ schon zu wenig Platz inne Bude“, brummelte er nur, während sein Mädchen das ganze Kugel- Geschiss in die Halleluja- Staude pfriemelte. Aus lauter Protest hatte er sich mal eine „Minimalisten- Krippe“ gezimmert, mit der er seither jährlich demonstriert, was er von der ganzen Deko- Kacke hält. Nämlich nix. Da ist er sowas wie der „Weihnachts- Grinch aussen Pott“.

Auch die Sache mit dem Schenken hat er gefressen. „So’n kapitalistischer Blödsinn! In unserer Umgebung hat doch jeder alles, was er braucht! Völlig sinnlose Marketing- Strategie der Tinnef- Hersteller!“, fluchte er, während wir die Geschenke einpackten. Buntes Papier lag überall rum. 1,99 die Rolle, zum „einmal aufreißen und wegschmeißen“. Während ich mir Tesastreifen aus dem Fell popelte, fragte ich ihn, wieso man sich zu Weihnachten überhaupt irgendwas schenken muss.

Geschafft! Watt’n Berg …

„Keine Ahnung. Ist ja der Geburtstag unseres Religionsstifters. Da haben die Sternegucker eben ein paar Kisten unpersönliche Scheiße mitgebracht. Darum meinen wohl die, die angeblich die „christlichen Grundwerte“ vertreten, am Jahrestag genauso was verschenken zu müssen.“ Ich wunderte mich: „Aber mal im Ernst: Wieso muss man dann irgendwelchen anderen Leuten was schenken, wenn da so’n Iraner vor über 2000 Jahren Geburtstag hatte? Bekommen deine Freunde auch etwas von den anderen Freunden, wenn du Geburtstag hast? Ist doch merkwürdig …“ Nachdenklich hielt ich das Papier fest, während Henrik es abschnitt. „Klar ist das Blödsinn. Auch, wenn ich jetzt nicht gerade der Heiland bin. Zumal im Rest des Jahres kaum jemanden diese ‚christlichen Traditionen‘ interessieren: Da werden Nachbarn verklagt, über Familienmitglieder hergezogen, und Fremde sind grundsätzlich ‚Menschen zweiter Klasse‘. Die können dann getrost verrecken – wenn nur gerade kein RTW die eigene Einfahrt versperrt. Und an Weihnachten rennen sie in die Kirche, beten „Liebet euren Nächsten“ und kaufen Tinnef für Leute, die sie sonst am Arsch lecken können!“ Er hackte den nächsten Tesastreifen fast ab, weil er sich in Rage redete. Mir war das mit den Astrologen aber noch nicht ganz klar: „Aber was meintest du denn eben mit ‚unnützem Zeug‘, was die drei Besucher verschenkt haben?“, hakte ich nach. Henrik kämpfte gerade damit, einen riesigen Karton in buntes Papier zu wickeln. Das Verpacken ist ja auch eigentlich doof: An diesem Karton konnte man sowieso nicht sehen, was darin war. Wozu also verpacken? „Na ja, überleg doch mal: Da kommt ein Pärchen in eine überfüllte Stadt. Die haben keine vernünftige Unterkunft, keine Heizung, keine Windeln für ihr Blag und wahrscheinlich kaum was zu fressen. An Klamotten haben sie nur das, was sie am Leibe hatten, als sie mit dem Esel angereist sind. Von einem Möbelwagen steht in der Chronik nämlich nix. Und dann kommen so ein paar reiche Pinkel auf ihren tiefergelegten Kamelen mit Sportauspuff an,  so Großverdiener fremder Könige, und was bringen sie mit? Windeln? Babynahrung? Oder wenigstens einen Strampler?- Einen Scheiß: Büchsen mit Kräutern zum Verbrennen bringen sie mit! Weil sie sich damals schon keine Gedanken darüber gemacht haben, was ein einfacher Malocher mit Frau und Kind nach einer solchen Reise, die bestimmt gar nicht ins Urlaubsbudget passte, gebrauchen könnte. Damit startete der gedankenlose Blödsinn.“ Ich stellte mich hinter den riesigen Karton, damit er beim Einwickeln nicht nach hinten wegrutschte. „Aber da war doch noch was: Hatten die nicht auch Gold mitgebracht?“ – „Klar, steht in dem dicken Buch. Kann aber nicht nennenswert viel gewesen sein. Immerhin ist nicht überliefert, dass Josef daraufhin die Bude gekauft und den Wirt rausgeschmissen hat. Wahrscheinlich reichte es gerade zum Überleben, bis er wieder in seiner Zimmermannswerkstatt malochen konnte.“ Das klang logisch. Und das mit der Schenkerei wundert mich nun noch mehr. Während Henrik nun die letzten Tesastreifen verarbeitete, schimpfte er weiter: “ … und wenn sie den Heiland damals ersäuft hätten, würde in den Kirchen wenigstens ein hübsches Aquarium hinter dem Altar stehen!“ Dann legte er die Schere weg, seufzte und schaute mich nachdenklich an: „Weißt du, was viel besser wäre, als Leuten irgendwas zu schenken, was sie sowieso beknackt finden? Etwas Zeit mit ihnen zu verbringen, wenn sie sie brauchen. Ganz unabhängig von einem bestimmten Tag, an dem ‚Besinnlichkeit‘ angeordnet wurde. Zum Umzug vielleicht, oder im Garten helfen, oder mal die Oma zum Einkaufen fahren. Aber wenn man sich das ganze Jahr nicht sieht, obwohl man nur einige Kilometer auseinander wohnt, kann einem doch die scheiß‘ Pappkarte, auf der steht, dass man an einen denkt, doch schnurz- egal sein, oder? Das ist doch elende Heuchelei!“ Da hat Henrik irgendwie recht. Ich glaube, seine Mutter wird sich mehr darüber freuen, dass wir dann am 2. Weihnachtstag auf der Matte stehen und ihr den Kühlschrank leerfressen, als über den Umschlag mit dem Gutschein vom Klamottenladen.

Aber man muss ja was schenken. Irgendjemand hat schließlich mal entschieden, dass sich das so gehört.

Ich wünsche allen Lesern auf jeden Fall ein zwischenfallsloses Fest.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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