Paul in der Schweiz, Teil 2


Wachdienst

So viel Kram!

Zum nächsten Dienst saßen wir mit einer Tasse Kaffee bei ihm auf der Wache. Bei Henrik darf ich nur selten Kaffee haben. Er meint, davon würde ich immer so hibbelig… Ich verstehe die Leute hier immer noch nicht, irgendwie haben die alle Halsschmerzen, die machen dauernd „-chchchch“ 🙂

In der Schweiz heißt der Rettungswagen übrigens Ambulanz, und auch sonst ist alles ein bisschen anders. Paul kennt ja beide Systeme, das deutsche und das schweizer System, und erklärte mir ausführlich die Unterschiede.

Paul stellte mir erst mal das Personal vor: Es gibt dort einen „Rettungssanitäter HF“, einen „Transportsanitäter“, der ihn fährt, einen Anästhesiepfleger und noch einen Notarzt. Den Großteil aller Einsätze (von Stichwort „Fahr mal gucken 1“ bis „Alterdasmusstdugesehenhaben 2“) macht der Rettungssanitäter zusammen mit seinem Transportsanitäter allein. Bei ganz schwierigen Sachen (Stichwort „Schlimm2“ und „Kopfab“) holt er sich den Notarzt dazu. „Manchmal ist aber auch der Anästhesiepfleger der Notarzt“, meinte Paul. Ja, genau so habe ich auch geschaut! 😉

Was bei der Dienstübernahme überall auf der Welt gleich ist, ist das Zerpflücken des Inventars. Die beiden zogen alle Schubladen auf, stopften da was rein, irgendwo wieder was raus, als müssten sie die Karre erst mal nach ihren Befindlichkeiten umgestalten. So eine Art „Feng Shui“ für Pflasterkleber. Jedenfalls saß ich hier noch gemütlich und schaute beim exzessiven Wühlen der beiden zu, da popelte Paul plötzlich irgendwas aus einer Tasche am Defi, tüdelte es an meinen Arm und sagte, ich soll mal still halten.

Der Defi ist kaputt. Bestimmt.

Der Defi brummte, die Manschette an meinem kleinen Ärmchen wurde dick (meine Augen irgendwann auch!)! „Alter, ist der doof? Aua, das tut weh…hallo? Aufhören!“, quängelte ich. „Das macht ja echt keinen Spaß hier! Gleich platze ich!“ –

Damit kann man bestimmt auch den Kaffeebecher leerschlürfen!

„Das muss so“, überfuhr Paul meine Beschwerde. „Wir müssen doch schauen, ob alles funktioniert. Und heute bist du dran als Testobjekt.“ Allerdings glaube ich, dass deren Defi im Arsch war: Der Klotz zeigte bei mir weder eine Sättigung noch einen Blutdruck an! Gut, dass wir getestet hatten. Trotzdem wollte Paul den Apparillo nicht austauschen. Verantwortungslos …

Und plötzlich wird es wahnsinnig hell in meinen Knopfaugen und ich sehe nix mehr. Pauls Kumpel fuchtelte mit einer Pupillenleuchte vor meinem Gesicht herum. „Mach das weg, ich bin blind!“, protestierte ich. „Ach was. Stell dich nicht so an und mach die Klüsen auf!“, kam aus der Wolke aus Sternchen und Blitzen, die ich nunmehr sah, die Aufforderung. Das hatte ich mir hier etwas anders vorgestellt!

Die wollen mich doch verarschen, oder? Wenn sie jetzt noch ankommen, ich solle das Blaulichtwasser nachfüllen und die Blitzleuchten synchronisieren, setzt es aber was, dachte ich mir. Zum Glück werde ich aber nicht weiter gequält, denn wir fahren zum ersten Einsatz – und der dauert, sag ich euch. Wir waren 35 Minuten unterwegs, bis wir beim Patienten waren! Da biste ja quasi fermentiert, bis die mit dem Ambulanzauto kommen! Im Pott moppern die Leute schon, wenn man mal die gesetzlich vorgegebenen 8 Minuten ausnutzt. Hier wurden wir trotzdem freundlich begrüßt und man war froh, dass wir überhaupt da sind. „Hier ist das normal, da sind die Wege viel länger“, erklärt mir Paul. „Die Leute wissen dass, dass sie auf dem Land eben warten müssen, bis der Rettungsdienst kommt. Und der Schnee tut sein Übriges.“ Irgendwie sind hier selbst die Notfälle etwas entspannter. Aber dafür rufen die Leute auch nicht für jeden eingerissenen Fingernagel an.

Als wir beim Patienten sind, der über Schmerzen in der Brust klagt, fängt der Kollege vom Paul plötzlich an, das Alphabet aufzusagen, kommt aber nur bis E und bricht dann ab. Gerade, als ich angestrengt aufzeige und schnipse, um ihm zu verraten, wie es weitergeht, fängt Paul irgendwas mit SAMPLER und OPQRST an. Haben die hier keine Schule besucht? Aber hinterher erklärt er mir, dass jeder Einsatz einem bestimmten Muster folgt. Die Buchstaben, die jeweils für ein Wort stehen, helfen einem dabei, nichts zu übersehen, um den Patienten richtig behandeln zu können. Dann fiel mir ein: „Richtig, mit diesem Schema hat Henrik auch schon gearbeitet … Ist wahrscheinlich auch international.“ Paul nickte.

Hier vorne bekommt man von einigen Dramen, die sich hinten manchmal abspielen, nicht so viel mit.

Dann packte der Kollege so kleine Fläschchen aus. Er spritzte dem Typ irgendwelche Drogen in den Arm, und plötzlich redete der Patient so, als hätte der einen gesoffen. „Das war ein Medikament gegen seine Schmerzen, das dürfen wir in der Schweiz auch ohne Notarzt geben. In Deutschland müssen die Kollegen sich deswegen den Studierten kommen lassen“, erklärt Paul. „Aber den Doc sieht man hier selten. Nur, wenn hier wirklich die Hütte brennt, dann kommt auch der.“ Klar: Bei der langen Anfahrt muss man sich schon gut überlegen, ob man sich die weitere Verzögerung auch wirklich erlauben und dem Patienten zumuten kann.

Wir laden den Patient ein und fahren mit dem ins Spital, ja so heißt das hier. „Krankenhaus“ klingt den wohl zu öde. In der Aufnahme stehen ganz viele Leute in Weiß und alle hören Paul zu. Der fängt wieder mit diesem ABCDE an. (Ja, ich hab’s ja verstanden! 🙂 ) Danach dürfen wir endlich wieder auf die Wache. Der Mist hat sich echt hingezogen. Drei Stunden für einen Einsatz sind hier in den Bergen nix. Ich habe einen Hunger, sag ich euch!

Danach ging es erst mal auf die Couch und – schwupps! – fallen mir die Augen zu. Ist schon sehr anstrengend, so Sicherheit zu verbreiten. Und dann die gute Bergluft … Hier ist die Luft übrigens viel klarer als im Pott, wo Milliarden von Autos die Straßen verstopfen. Ich träumte von Weihnachtsdörfern, aus denen kleine Wichtel winken, von Schnee – und die kleine Odette serviert den Kaffee … Irgendwann werde ich unsanft geweckt. „Paul! Aufwachen! Schmeiß den Riemen auf die Orgel, es geht wieder nach Hause!“, schalmeite mein Gastgeber mir entgegen.Das ist echt keine Art sage ich euch! Aber Paul hat Feierabend. „Wie, nur einen Einsatz gefahren, und jetzt schon Schluss?“, wunderte ich mich. Pauls Kollege, der die deutschen Verhältnisse von seinen Erzählungen kannte, lachte: „Das ist hier nicht so stressig, wie in einer großen Stadt, wo man 8 bis 12 Einsätze fährt. Dafür sind die Kollegen in der Stadt schnell im Spital, hier kann es schon mal 40 Min dauern.“ Und Paul ergänze noch: „Dafür rufen die Leute hier auch nicht für jeden Scheiß an. Und wenn du den in der Großstadt von den Hilfeersuchen abziehst, bleibt da auch nicht viel mehr übrig.“ Wo er recht hat, hat er recht. Allgemein ist die „Qualität“ der Notfälle hier etwas höher als im Pott.

Bergrettung

Weil manche Einsatzorte nur sehr schwer zu erreichen sind und auch die Wege ins Krankenhaus nicht gerade kurz sind, gibt’s auch hier Rettungshubschrauber“, erzählte Paul später. „So einen würde ich auch mal gerne sehen …“, sinnierte ich. Paul grinste plötzlich breit: „Ach, echt? Hast du ein Glück: Hier in der Gegend ist eine Basis, da steht so ein Flieger! Sollen wir da mal vorbeischauen?“ Ich machte fast ein Pfützchen: „Echt jetzt? Du verarschst mich doch, oder? Das wäre ja megageil!“, tanzte ich herum. Paul blieb lässig: „Ich melde uns kurz an, und dann fahren wir da mal rum!“ Vor Aufregung sträubten sich mir die Rückenhaare: „Cool! Darf ich da mitfliegen?“, schäumte ich fast über. „Das wahrscheinlich nicht, aber rein setzten darfst du dich gleich bestimmt“, meinte Paul. Immerhin, da haben auch noch längst nicht alle Affen gesessen!

Ne Notfallschraube! Ne Notfallschraube!!!

An der Basis stand tatsächlich so ein Flieger rum und glänzte in der Sonne. Der Pilot erwartete uns in der Unterkunft und war sofort bereit, uns mal einen Blick in die fliegende Dose zu gönnen. Mit so einem Arbeitsplatz lässt sich ja auch gut angeben! Damit bisse am Wochenende der Bringer in jedem Pressluftschuppen, wennze Weiber aufreißen willst!

Yeah, dann darf ich mich gleich hoffentlich vorne auf den Platz setzen!“, freute ich mich, als wir an der „Air Zermatt“- Rettungshummel standen.

In dieser Tasche ist so ein automatisches Wiederbelebungs- Knufftich-Knufftich. Oder so ähnlich.

Dieses Unternehmen bietet nicht nur Transport- und Touristenflüge an, sondern hat im Wallis drei Basen, von denen aus jährlich auch etwa 900 Bergrettungseinsätze geflogen werden. “Ich muss gleich mal schauen, was da alles für Knöpfe sind!“, verkündete ich aufgeregt. Aber da gab es auf die Finger: „Neenee, nicht an die Knöpfe fassen!“, meinte der Pilot. „Nicht, dass du gleich noch wegfliegst.“ Aber ich durfte mir den Helm aufsetzen! Der hat eingebaute Mickeymäuse, damit man bei dem Fluglärm keinen Tinitus bekommt, und eine integrierte Sprechanlage, über die auch gefunkt wird. Ich sehe doch aus wie Tom Cruise in Top Gun, oder?

Der Patientenraum ist eng wie eine Sardinenbüchse!

Dann darf ich auch nach hinten, da wo der Patient liegt. Die Trage ist echt bequem. Ich darf mir natürlich noch alles anschauen. Ist ganz schön wenig drin hier, aber angeblich braucht man den ganzen Kram nicht. Was sie aber in der Bergrettung manchmal brauchen, ist ein blaues Päckchen, in dem eine Reanimationsmaschine steckt: Während eines Fluges ist der Patient nur sehr eingeschränkt zugänglich. Auch an dem Ort, wo man ihn abholt, ist es schon mal sehr kniffelig mit dem Raumangebot: Bergwanderer auf Felsvorsprüngen, Kletterer in Spalten …

Für zum nachts gucken

Für Nachteinsätze hatten sie sogar so ein komisches Fernglas an Bord . Damit kann der Pilot nachts noch sehen, denn im Gegensatz zu Deutschland sind die „Air Zermatt“- Maschinen auch Nachtflugtauglich. Dann erzählt der Paul dem Piloten, dass ich gerne mal mitfliegen würde, und – schwupps! – haben die mir ein Seil um meinen formschönen Körper gelegt und mich an der Winde vom Heli angehängt! „Na prima“, meinte der Flieger. Wenn wir schon nicht fliegen können, darfst du hier zumindest schon mal etwas baumeln!“

Baumeln. Wie beim THW. Ich bin ein Hängeaffe!

Das ist zwar längst nicht das gleiche, aber trotzdem schon irgendwie cool: Andere müssen dafür viel Geld zahlen, um hier mal abzuhängen, wenn sie verunglückt sind. Ich durfte das umsonst! Und wenn ich mir vorstelle, dass sich mit dem gleichen Ding ein Bergretter mit wehenden Haaren und einer Kippe im Mundwinkel lässig zu einer hübschen Skifahrerin abseilen lässt, um sie mit ihrem verstauchten Knöchel … oh, ich glaube, meine Fantasie geht wieder mit mir durch. Lassen wir das. 😉

 

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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