Im Dorf der runtergesetzten Textilien


„Outletcenter Roermond“ – wer hat sie in NRW noch nicht gehört, die Werbung für den feuchten Traum aller Frauen! Hier konnten sich Patienten mit Stoffwechselkrankheit ordentlich mit neuen Klamotten eindecken. Henrik meinte anlässlich des sich jährenden Stapellaufes seiner Frau, ihr eine Shopping- Tour ins Land der Frikandeln schenken zu müssen. Watt leichtsinnig! Hat seine Kontokarte überhaupt eine Wasserkühlung? Die wird sie nämlich dort brauchen… Für mich jedenfalls eine Gelegenheit, mal wieder aus den Karton zu kommen.

Am Morgen des besagten Tages fuhren wir also los, wie es die Siedler in Nordamerika schon vor zweihundert Jahren taten: „Westwärts! Immer westwärts!“ Nach etwa zwei Stunden rollten wir auf einen ziemlich eng gestalteten Parkplatz, stellten den Pampersbomber ab und zogen Richtung Eingang. Hatte ich bis dahin immer gedacht, es handele sich beim „Shoppingparadies Roermond“ um ein gewöhnliches Einkaufszentrum mit den üblichen Ladenkokalen, wurde ich hier nun überrascht: Die Konsum- Pilgerstätte war aufgebaut wie eine kleine Altstadt! Durchgängig zweigeschossige Bauweise, teils mit Arkaden. Die Straßen dazwischen in gepflasterter Fußgängeroptik, mit Bäumen und Sitzgelegenheiten. Und mir als Feuerwehraffen fiel sofort auf:

Altstadt- Charakter

„Hömma, Henrik: Falls es hier mal rund gehen sollte, kannste die Einfahrt mit dem HLF aber vergessen!“ Henrik stutzte: „Richtig. Aber vielleicht sind die Läden alle von der Rückseite aus zugänglich.“ Wir schauten auf eine der Infotafeln, die dort an einigen Stellen im Weg standen: Die Zugänglichkeit war wohl nicht überall rückwärtig möglich. Nun, hoffen wir, dass es noch eine andere Lösung für den Notfall gab… Brandpotential hatten die Buden dort jedenfalls zur Genüge. Während sich Henriks Mädel in die Angebote stürzte, bis die BHs und Shirts nur so flogen, schaute ich mich ein wenig um: Tonnenweise Stoffe und Holzeinbauten! Wenn es hier mal zu hitzig losgeht, ist die Kacke am dampfen! An einigen Stellen sah ich Rohre, die aus den Fassaden schauten. Sahen aus wie Entnahmestellen für die Feuerwehr. Die Einbaurichtung des Schraubventils machte jedenfalls den Eindruck.

In den Läden entdeckte ich dann Wandhydranten: In den Niederlanden sind die oft nicht in irgendwelchen Schränken versteckt, sondern hängen offen herum. Das hat natürlich den Vorteil, dass die Kunden und das Personal die Schläuche ständig sehen können und sich im Notfall daran erinnern werden. Zudem wissen die Leute dann genau, was sie dort erwartet und dass es eine ganz einfache Einrichtung ist: Zuleitungs- Hebel öffnen, Schlauch abziehen, und am Ende ist eine handliche Wasserdüse. Nicht wie bei uns: Der Wandhydrant ist in einem sauberen Kasten untergebracht, der oft versiegelt ist. Ist womöglich dem deutschen Ordnungssinn geschuldet: So ein schicker, glänzend- rot lackierter Deckel ist natürlich viel ordentlicher anzuschauen als ein offener Haspel, der auch noch regelmäßig entstaubt werden muss! Was den geneigten Nutzer in dem Schrank aber erwartet, wissen wohl die wenigsten. Oft darin: Ein Niederschraubventil, für das man schon etwas Zeit mitbringen sollte.

Dieses Wasser darf man nicht in Eimer füllen. Interessant.

Dann ein Rollschlauch, den man vor Gebrauch ganz herauszergeln und vor dem Kasten gleichmäßig verteilen muss, oder ein formstabiler Schlauch, ähnlich dem auf dem Bild. You’ll never know. Am Ende dann ein klobiges Mehrzweck- Strahlrohr, mit dem womöglich auch nicht jeder sofort umgehen kann, wenn er im Rücken ein brennendes Regal hat und vor sich erstmals diese unbekannte Technik im Wandschrank entdeckt. Ein Abenteuer, welches vielleicht nicht jeder so toll findet. Zumal ein ordentlich erzogener Mensch eine gewisse Hemmung haben sollte, einfach so an fremder Leute Schränke zu gehen.

Nommnomm!

Zwischendurch überkam uns dann der Hunger. Bei der Begutachtung der dortigen Lebensmittelausgabestellen fiel uns auf, dass man sich völlig auf deutsches Publikum eingestellt hatte: Oft wurde mit hiesigen Gerichten geworben. Die Preise waren allerdings eher etwas für Leute, die eine Leiter mit sich führten: Ein Cheeseburger für 14,50 fand ich etwas happig! Wir setzten uns also stattdessen in eine Bäckerei mit dem Namen einer deutschen Kette (an der Fassade der Hinweis: „the german Bäckerei!“) und erstanden für 4,50 ein reichlich belegtes Baguette-Brötchen und ein Tässchen Beamtensprit. Danach ging es uns besser, Frau Henrik läutete die zweite Kapitalumverteilungs- Runde ein. Um ihre Ruhe zu haben, gab sie Henrik kurzerhand im Spieleparadies Werkzeugladen ab.

Einige Türen sind mit Zahlencode gesichert. Mit einem Knopfdruck am grünen Kasten kommt man aber auch durch! (Übrigens: Auf deutsch beschriftet…)

Nachdem sich Henrik über verschiedene Fernthermometer und Laser- Entfernungsmesser informiert hatte, standen wir etwas ratlos vor der Tür: „Was hatte sie nun gesagt, wohin sie wollte? Nix? Mux? – Boh, watt war datt noch?“, überlegte er. „Da drüben ist Maxx“, warf ich ein. „Ob sie den Schuppen meinte?“ Wir schauten: Kein Mausi inside. Wir gingen ein Stück die Straße rauf und runter: Kein Mausi. So spielten wir „Häschen in der Grube“, das beste, was man in so einer Situation machen konnte: Anstatt ziellos umher zu rennen und sich womöglich mehrfach zu verpassen, blieben wir einfach vor dem Männerparadies stehen und warteten. Irgendwann sollte uns seine Frau schon vermissen. Hofften wir. Dabei sah ich einen roten Kasten, der an der Außenwand eines Ladens angebracht war. Ohne Fenster, nur mit einem grünen Kreuz drauf. „Was mag da drin sein?, rätselte ich. „Nur ein Verbandkasten? Bissl groß dafür, nech?“ Henrik schaute auf dem Lageplan, auf der Suche nach einem Laden, den die Frau als Ziel gemeint haben könnte. „Nö … aber hier sieht es so aus, als wäre dort ein AED untergebracht.“ –

Achtung, Geo- Cacher: Hier ist ein AED versteckt! Schlüssel an der Seite.

„Da kann man ein Fernsehprogramm sehen?“, entfuhr es mir belustigt. „Nein, das heißt nicht ‚ARD‘, sondern ‚AED‘. Ein automatischer Defi. Wennze mal einem mit Herzkasper helfen willst“, klärte er mich auf. Das allerdings ist in Deutschland besser umgesetzt: Hier haben die Kästen mit AED nicht nur häufig ein Sichtfenster, sondern auch ein besonderes Hinweisschild. „Und was macht man damit? Darf das jeder?“, fragte ich interessiert. „Wenn einer umfällt und kein Bild und keinen Ton mehr hat, machst du den Behälter mit dem AED auf, nimmst die beigepackten Elektroden raus und schaltest den Kasten ein. Dann sagt er dir, dass du die Elektroden auf den Brustkorb aufkleben und dann reanimieren sollst. Nach einigen Sekunden, wenn der Apparat merkt, dass die Aufkleber richtig sitzen, sagt er, dass du einen Moment aufhören sollst und er macht eine EKG- Analyse.“ Ich stutzte: „Und dann? Woher soll ich wissen, wie man das Analyse- Ergebnis auswertet?“ Henrik lachte: „Na, ein, zwei Semester Kardiologie hat doch jeder, oder? – Nein, im Ernst: Du kannst nichts verkehrt machen. Wenn ein elektrischer Schock angebracht ist, sagt der Apparat das und macht es dann selbst, wenn nicht, kannst du auch keinen Schock auslösen und der Kasten sagt, dass du weiter auf dem Patienten rumhüpfen sollst.“ Das beruhigte mich. Auch, wenn ich es etwas schade fand, dass die Aufbewahrungskästen nicht anders gekennzeichnet waren. Die Frage, die mir noch im Kopf herumgeisterte, war, in welcher Sprache der Kasten mit uns sprechen würde. Wahrscheinlich in Niederländisch. Klingt womöglich auch ganz lustig.

Henriks Frau tauchte wieder auf. „Ich habe doch gesagt, dass ich bei „Nyx“ bin! Das ist nur hier um die Ecke, und dann drei Läden die Straße runter…“ Henrik verdrehte die Augen: „Klar. – Da finde ich doch eher eine Oase in der Wüste!“

Irgendwann hatte ich die Einkaufsorgie überstanden, wir traten den Rückweg an. Nicht jedoch, ohne dass ich meine aufgestaute Energie erst mal an einem der Großwasserpfosten vor dem Zentrum abreagierte: Daran ist ein Ring befestigt, an dem man prima herumturnen kann! Wie auf dem Bild zu sehen, musste diese Zapfstelle aber schon einige male leiden: Die Umfahrten auf dem Parkplatz sind so eng, dass der eine oder andere SUV- Fahrer (SUV: Super Useless Vehicle) die Maße seines Gefährtes wohl unterschätzte.

Auf der Rückfahrt taten mir die Beine weh, Henriks Frau war glücklich, weil sie sich ihrer Stoffwechselkrankheit hingeben konnte, und Henriks Kontokarte wurde ein wenig in den Fahrtwind gehalten, damit sie wieder abkühlte. Mal wieder ein schöner Ausflug.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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