Kinder hüten „the safe way“


Lange habe ich zu Hause rumgesessen und den heimischen Garten angestarrt. Aber irgendwann juckt es natürlich: Ich musste mal wieder was neues sehen! Da kam mir das Angebot von Andrea gerade recht. „Wir haben zwar beim Jugend-Rotkreuz keine großen, roten Autos, mit denen wir spielen, aber vielleicht hast du ja trotzdem Lust, hier vorbei zu kommen. Wir machen nämlich demnächst einen Babysitter- Kurs!“

Die anfängliche Vorfreude bröselte mir direkt wieder aus dem Gesicht. „Babysitting? Also bitte!“, mopperte ich gelangweilt. „Wo sollte das denn für Affen interessant sein? Fläschchen geben, Pooh-Windeln wechseln…“ Sie fiel mir ins Wort: „Verbände wickeln, Babyreanimation, …“ Hallo? Das klang schon viel besser! „Und über Ernährung sprechen wir auch. Da lernst du vielleicht was brauchbares für dich!“ Ich ließ fast das Handy fallen und schaute zu meinem pelzigen Feinkostgewölbe hinunter. Hallo? Hat die mich gerade ‚fett‘ genannt? Aber insgesamt klang es doch schon ein wenig spannend, was da auf dem Lehrplan stand. Also packte ich zwei, drei Schlüpper, ein Paket Butterkekse und drei Caprisonnen ein, und es ging los in Richtung Frankfurt!

Dort lernte ich Andrea kennen. „Hallo! Ich bin schon seit etlichen Jahren hier beim Kreuz als Ausbilderin tätig“, stellte sie sich vor. „Und hier wird eben nicht nur für die Führerscheinprüfung vermittelt, wie man Pflaster klebt, sondern wir bieten bei uns im Jugendrotkreuz auch 3- Tage- Seminare für Babysitter an. Mit allem drum und dran.“ Ich war immer noch etwas skeptisch: „Na, da bin ich ja mal gespannt…“, brummelte ich. Sie zwinkerte mir zu: „Du wirst schon sehen, das wird interessant! Morgen bereite ich dort alles vor, und übermorgen früh fangen wir an.“

„Spielzeugstraße“ mit altersgerechtem Spielzeug. Da sind gar keine Pokemon- Karten dabei! Sowas…

Am nächsten Tag musste Andrea also erst mal in die DRK- Unterkunft, um dort im JRK- Raum alles herzurichten. Das tat sie zusammen mit ihrer Kollegin Sarah, die ebenfalls Teile der Ausbildung übernehmen sollte. Die beiden machen das übrigens ehrenamtlich. Ich war dann doch ziemlich über den Aufwand überrascht. Dachte ich doch, die legen dort nur ein paar Püppgen hin – und nun stopften sie dort alles mit Material voll! Spielzeug, Matten, Decken, Flipcharts, Lebensmittel, Verbandmaterial … Sie krempelten die ganze Bude auf links! „Wollt ihr hier eine Messe aufbauen?“, fragte ich ungläubig. „Nenee, das ist alles nur für das Seminar. Hast du etwa gedacht, wir lernen hier bloß, wo beim Kind das Essen reinkommt?“ Ja, dachte ich. Aber das sollte ich jetzt vielleicht nicht zugeben. Sonst hält Andrea mich noch für blöd.

In der JRK- Unterkunft wohnte auch noch Elmo. Ein Roter Zottel, der aussah, wie Grobi. Nur eben in Rot. „Hömma, ich kenne dich doch von irgendwo her?“, meinte ich nachdenklich. „Bist du nicht von den Muppets?“ Er schüttelte etwas beleidigt den Kopf: „Muppets? Pah! Die machen da doch bloß Tinneff. Nein, ich habe einen Job bei der Sesamstraße! Verstehsse? Bildungsfernsehn!“ – „Aber das Studio ist doch in Hamburg! Und was machst du dann hier?“, fragte ich. Er warf nun seine flusigen Arme dramatisch in die Luft: „Hast du mal nach den Mietpreisen in Hamburg geschaut? Die haben doch Bregenklöterich! Was man dort so für ein Wohnklo auf den Tisch legen soll! Aber ich habe dann noch den Nebenjob in der Jugendausbildung bekommen“, erzählte er. „Ich kriege hier zwar keine Kohle, aber ich spare mir die Miete, weil ich hier umsonst wohnen darf. Ist natürlich nervig, zu den Drehtagen immer dreieinhalb Stunden nach Hamburg zu tingeln, aber was will man machen…“ Nun ja, ich fand, er war schwer in Ordnung. Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis Andrea und Sarah den Raum umdekoriert hatten.

Am nächsten Morgen rüttelte Andrea mich aus meiner Kiste: „Aufstehen! Wir müssen rechtzeitig beim DRK sein!“, schalmeite sie. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und brummte: „Wenn da auch nur einer versucht, mir eine Pampers umzutüdeln, dann iss‘ aber Pannas am Schwenkmast. Nur, dass du’s weißt.“ „Keine Sorge“, beruhigte sie mich lachend. „Wir haben doch genug Puppen zum Üben!“

Im Schulungsraum trudelten bis zum Kursbeginn die Teilnehmerinnen ein. Nachdem man sich kennen gelernt hatte, wurde zunächst viel Theorie vermittelt. Die Mädels waren ja nicht nur zum Spaß da! Andrea und Sarah erzählten viel über die kindliche Entwicklung, schwierige Situationen, Gesprächsführung und rechtliche Grundlagen, wie Aufsichtspflicht und Gedöhns. Die Teilnehmerinnen sollten schließlich erst einmal wissen, was Phase ist, wenn sie sich auf so einen Job einlassen! Weil ich nicht vor hatte, auf Babys zu sitten, habe ich mich zwischenzeitlich mit Elmo und einem weißen Rotkreuz- Bärchen unterhalten. Das Bärchen kam zwar aus Österreich, aber mit den Alpenvölkern habe ich ja schon eine gewisse Erfahrung.

An diesem und am Folgetag wurde auch viel über Ernährung gesprochen. Das interessierte mich natürlich: Meine Figur kommt nicht von ungefähr! Hielt ich mich aufgrund jahrelangem Training für eine Konifere… einen Konfirmanden… (ach Mensch, einen Fachmann halt!) bezüglich des Themas „Essen“, lernte ich nun, dass man bei weitem nicht alles in Kinder stopfen darf, was bunt verpackt ist. Überhaupt wurde mir langsam klar, dass ich mir ein völlig falsches Bild vom „Abends mal aufpassen“ gemacht habe. Was man da alles wissen soll! Mit „Kleinen mit einem Schnäpschen zum Schlafen bringen und vor dem TV Chips futtern“ war es beiweitem nicht getan! Die Mädels hatten nach den Vorträgen und Ratespielchen mit Lernkarten zur Ernährungspyramide schon die Studentenkappe auf, als es auch praktisch wurde: Sie lernten die Zubereitung von Babybrei. Da ich nun objektiv gesehen noch nicht „zu groß“ bin, durfte ich natürlich auch mal probieren. So saßen ein Rudel Mädels und ein bauchbehaarter Primat in lockerer Runde und mampften in Ermangelung empfangsberechtigter postnataler Erdenbürger den Brei genüsslich selbst weg. Die Banane, die man mir ersatzweise anbot, bewahrte ich mir fürs Abendessen auf.

Auch Kinderlieder wurden vorgestellt und gemeinsam gesungen (wobei man mir vorwarf, mehr zu bordunieren denn die Melodie zu treffen! Unverschämt…) und Spiele gespielt, wozu auch das Bereitstellen und Aussuchen von geeignetem Spielzeug gehörte. Das befürchtete Wickeln der Babypuppen fand glücklicherweise ohne „Ersatzflüssigkeit“ oder Nutellawindeln statt, und zwar so lange, bis es jede Teilnehmerin auch gleichzeitig mit „Brei umrühren“ und „telefonieren mit den besorgten Eltern“ konnte. Der Drill bei den Navy Seals soll gerüchteweise auf diesem Training basieren.

Am dritten Seminartag nun ging es um „Erste Hilfe am Kind“. Von Andrea lernten die Teilnehmer nun, dass die beste Hilfe darin besteht, Unfälle überhaupt erst einmal zu verhindern. So ein Ersthelfer wird ja im Idealfall gar nicht gebraucht. Falls doch mal etwas schief gehen sollte, wurde auch die Wundversorgung geübt, und zwar vom Identifizieren der beim Pflaster zum Patienten zu drehenden Seite (zu erkennen daran, dass bei mir dann immer Haare dran kleben bleiben! Aua…), bis hin zu Druckverbänden. Und für den „Worst Case“ wurde auch die Wiederbelebung geübt, sowohl an Erwachsenen-, als auch an Babypuppen. Da gibt es nämlich ein paar Unterschiede, die wichtig sind. Auch die Bestandteile eines Notrufes wurden natürlich gelernt.

Nach der Ausbildung waren die Teilnehmerinnen um vieles schlauer und qualifizierter, als ein Mädel, dass „mal eben nache Schule für’n paar Stündchen nach’n Pupser schaut“. Nun, und an der Länge des Berichtes seht ihr, dass auch ich schwer beeindruckt war. Offensichtlich sind die Zeiten, in denen sich die Sitter- Fähigkeiten in „Popcorn-vor-der-Glotze-in-sich-reinstopfen“ und dem korrekten Eintippen der elterlichen Telefonnummer erschöpfen

Reiseproviant …

(„Ich will Sie nicht beunruhigen, aber… äh… haben Sie einen Feuerlöscher? Irgendwo?“), schon länger vorbei.

Am Ende gab es für die Teilnehmer noch ein Zertifikat, und alle waren sich einig, dass so ein Kurs schon lohnenswert ist.

Am nächsten Tag brummte mir von den vielen Informationen noch mein Schädel, als Andrea mich wieder reisefertig machte. Aber ich hatte dann auf dem zweitägigen Postweg in meiner dunklen Kiste noch genug Zeit, alles zu sortieren.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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Eine Antwort zu Kinder hüten „the safe way“

  1. Hey Paul… danke für Deinem Besuch! Gruß vom Jugendrotkreuz in Frankfurt… und von Elmo!
    https://jrkfrankfurt.de/

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